Die grosse Samwer-Show oder Der Makel deutscher Gründlichkeit im wirtschaftlichen Handeln

Q000051de-Samwer-Brothers-Teaser-248x148Die Samwer-Brüder waren meine Internet-Helden, als sie 1999 das Auktionshaus Alando gründeten und sechs Monate später für 43 Millionen Dollar an eBay verkauften. Solche Erfolgsgeschichten kannte man bis dahin nur aus Amerika. Damals lebte und arbeitete ich in der Kölner Innenstadt und die Samwer Brüder kamen aus dem wohlhabenden Stadtteil Marienburg ganz in der Nähe. Plötzlich schienen die unbegrenzten Möglichkeiten des neuen Marktes Internet zu Hause angekommen und ein Hauch von Silicon Valley zum Greifen nah.

Zwei Jahre später, inzwischen wohnte ich in Amsterdam, flog ich selbst das erste Mal nach San Francisco für WebEx, ein junges Startup, das aufgrund seiner Innovation auf dem Gebiet der Online-Kommunikation schnell expandierte. Die Erfindung eines Inders und eines Chinesen, Geschäftsmeetings über das Internet zu führen, war revolutionär. Uns begeisterten die unbegrenzten technischen Möglichkeiten, die das Internet bot, aber auch das moralische Werteversprechen, mit diesem Service Stress zu reduzieren, mehr Zeit für zwischenmenschliche Beziehungen zu haben und gleichzeitig die Umwelt zu schonen. 

Inzwischen sind zehn Jahre vergangen. Der Internet-Markt hat sich verändert und ich bin älter und reifer geworden. Meine Werte und meine Weltsicht sind auch geprägt durch meine Jahre im Ausland. Aufgrund unserer geschichtlichen Verantwortung ist es mir nicht gleichgültig, wie Deutschland jenseits unserer Landesgrenzen wahrgenommen wird. In Begegnungen mit anderen Kulturen versuche ich Stereotypen zu überwinden, die aufgrund unserer Vergangenheit, realer Erfahrungen oder Vorurteilen noch immer bestehen. Ähnlich hat das Auftreten der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei den vergangenen drei Weltmeisterschaften viel zu einer neuen positiven Wahrnehmung Deutschlands und deutscher Tugenden im Ausland beigetragen. (Lesen Sie dazu Warum WIR Fußballweltmeister sind)

Das Wachstum des Samwer-Imperiums über den gleichen Zeitraum hat mich dagegen schockiert und befremdet. In der jüngsten ZDF-Dokumentation Die grosse Samwer-Show wirkt mein einstiger Internet-Held Oliver Samwer getrieben vom Ehrgeiz der Macht. Die Leichtigkeit des jungen Erfolges ist vorbei, denn die Brüder haben maßloses Wachstum und schnellen Gewinn zum Geschäftsmodell erklärt. Man führt den „Blitzkrieg“ im Internet und bekennt sich auch dazu. Aber gegen wen eigentlich? Ach ja: Die Geschäftsideen, die man schneller, aggressiver, perfekter und gründlicher als alle anderen in neue Märkte bringen kann, werden weltweit systematisch von anderen kopiert. Das hat schon etwas perfides und aus internationaler Sicht noch dazu einen schlechten Beigeschmack.

Als Unternehmensberater beschäftigt mich das Zusammenspiel von Unternehmenskultur und Geschäftsmodellen. Die Globalität und Transparenz des Internets bietet inzwischen auch vielen Menschen, Initiativen und Geschäftsideen eine Platform, die von einem hohen ethischen Anspruch und sozialen Engagement beseelt sind. Ihre wachsende Präsens stellt unser vordergründiges wirtschaftliches Streben nach Gewinnmaximierung in Frage und sie alle suchen gleichgesinnte Partner, Unterstützer und Investoren. Wenn die Samwer Brüder mit ihrer Klonfabrik Rocket Internet noch in diesem Jahr an die Börse gehen werden, um weitere 750 Millionen Euro für ihr Geschäftswachstum zu generieren, sind auch wir gefragt zu entscheiden, in welche Zukunft wir investieren wollen.

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Ein Gedanke zu „Die grosse Samwer-Show oder Der Makel deutscher Gründlichkeit im wirtschaftlichen Handeln

  1. Marc Eisinger

    Den Beitrag im ZDF habe ich auch gesehen und war ehrlich gesagt doch sehr geschockt, wie die einstigen Internet-Pioniere – auch ich habe seinerzeit die Alando-Übernahme durch eBay verfolgt – zu macht- und geldgierigen „Monstern“ mutiert zu sein scheinen – da fehlen offenbar wichtige Grundlagen, wie Achtsamkeit, Restpekt und Wertschätzung.

    Erinnert mich ein bißchen an den „Neuen Markt“, den ich seinerzeit selbst mit einem Filmunternehmen „erleben“ durfte und ich erinne mich noch sehr gut an den damaligen Untergang. Gewonnen haben damals – wie wohl immer – die Banken…
    …und wenn eine solche Blase eines Tages wieder platzen wird, dann sind wohl auch wieder die „üblichen Verdächtigen“ (sprich die Anleger) die Dummen. Die Aktien von Rocket Internet würde ich daher nicht einmal mit hitzebeständigen Handschuhen anfassen!

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