Kollektive Führung im Spannungsfeld zwischen ICH und WIR

Was ist der Zusammenhang zwischen unseren individuellen Bedürfnissen, die immer differenzierter und vielfältiger werden, und einer wachsenden kollektiven Bewusstheit und Intelligenz?

Bevor wir uns als Menschheit unserer Individualität bewusst wurden, waren wir automatisch mit einem kollektiven WIR als uns selbst identifiziert. Das konnte der Stamm, der Clan, die Sippe sein, aber auch die Familie, der Verein oder die Partei. Wir existieren also nie ausserhalb eines kulturellen Rahmens von Normen und Regeln, die uns formen und prägen.

Als mir das so richtig bewusst wurde, fiel mir auch auf, dass meine bisherige Entwicklung, und in gewisser Weise die Geschichte der ganzen Menschheit, immer ein Rebellieren und Ausbrechen aus einem WIR und im nächsten Moment, oder gleichzeitig, ein Festhalten und Bewahren kultureller Normen ist.

Diese Erkenntnis erwacht zunehmend in unserem kollektiven Bewusstsein. Und weil es nie nur das eine oder das andere ist, und beide Seiten irgendwie zusammen gehören, interessiert mich das Spannungsfeld zwischen ICH und WIR, zwischen Autonomie und Gemeinschaft, zwischen individueller Entfaltung und kollektiver Ausrichtung und die Frage, was es braucht, dieses Spannungsfeld bewusst zu halten und zu gestalten? Eine lebendige Erfahrung habe ich mit ca. 70 Teilgebern beim diesjährigen Leadership³ Festival in Berlin gemacht.

Inhaltliche Impulse wie von Ulf Brandes, dem Co-Author des Buches „Management Y“ und des Films „Augenhöhe“ sowie Matthias Riegel, dem Geschäftsführer von WIGWAM, einer Kommunikationsberatung für gesellschaftlichen Wandel, bildeten den Rahmen für ein radikales Experiment in kollektiver Führung und Partizipation. Über 4 Tage werden die Regeln klassischer Konferenz- und Managementstrukturen außer Kraft gesetzt. Was bleibt ist ein Raum für Begegnungen, in dem das Aushalten von Spannungen, Widersprüchen, Konflikten und Chaos genauso dazu gehört wie tiefe Einsichten, geteilte Perspektiven und herzliche Verbundenheit. Die Veranstalter investieren viel Engagement und Fürsorge bei den Vorbereitungen und sind während des Festivals umso behutsamer, nicht korrigierend in den Prozess einzugreifen.

Was anfänglich irritiert und herausfordert, führt schnell zu Vertrauen, Intimität und einer wachsenden Lebensfreude, ganz im Gegensatz zu hierarchischen Kulturen, in denen wir uns oft verleugnen, unterordnen und anpassen. Eine Teilgeberin schrieb mir nach dem Festival: „Für mich war es sehr intensiv, fordernd, spannend, verwirrend und insgesamt eine gute Erfahrung. Was ich vor allem mitnehme, ist, dass ich in Gruppensituationen präsent sein und das Gespräch aktiv mitprägen kann. Sonst bin ich da eher zurückhaltend.“

Körperlich, emotional, geistig und spirituell ganz präsent zu sein, ist eine wichtige Voraussetzung, um zwei scheinbar widersprüchliche Sehnsüchte in uns zu vereinen: Die eine nach nach Freiheit, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit und die andere nach Begegnung, Verbundenheit und Gemeinschaft. Tiefe Beziehungen können brechen, wenn wir nur die Autonomie betonen, und andere erstarren, wenn wir ausschliesslich die Gemeinschaft suchen.

Der Anspruch an die Präsenz des Einzelnen ist enorm, wenn sie gleichzeitig eine grosse Liebe zum Leben und zum Menschsein ausdrücken will. Das 4. Festival habe ich ausgeglichener und reifer erlebt, aber nicht weniger frei und lebendig als im Vorjahr. Es ist der Geschmack einer Kultur individueller Vielfalt und Verschiedenheit, die Entwicklung, Veränderung und Komplexität in Beziehungen einlädt, hält und fördert.

2 Gedanken zu „Kollektive Führung im Spannungsfeld zwischen ICH und WIR

  1. Karen Seelmann-Eggebert

    Hallo Steffen,

    danke für diesen achtsam geschriebenen Artikel und den sorgfältig zusammengestellten Inhalten. Du schreibst:
    „Was bleibt ist ein Raum für Begegnungen, in dem das Aushalten von Spannungen, Widersprüchen, Konflikten und Chaos genauso dazu gehört wie tiefe Einsichten, geteilte Perspektiven und herzliche Verbundenheit. …“

    Während ich dies lese, schmunzele ich, denn genau dieses Aushalten von Spannungen bzw. geht es ja um „das, was da ist“, macht für mich De M U T aus. 🙂

    Ein lebenslanger Lernprozess, der mir sehr viel Freude macht.

    Liebe Grüße aus der Eifel,

    Karen

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    1. Steffen Karneth Artikelautor

      Demut ist auch für mich eine der wichtigsten Lernerfahrungen meines Lebens, die zu mehr Freude und Lebendigkeit führen. Danke Karen!

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